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Geschichte der Lappenchirurgie

Den Überlieferungen nach sind die Geschichte der Lappenchirurgie und die Geschichte der Plastischen Chirurgie eng verknüpft.

Als die älteste dokumentierte Lappentechnik gilt die indische Nasenersatzplastik, die im siebten oder sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im indischen Susruta Samhita beschrieben wurde. Dabei wurde die Nase mit einem Hautlappen von der Wange gebildet. Der gemeinhin als indische Nasenplastik bekannte Stirnlappen wurde wahrscheinlich erst wesentlich später beschrieben.

Die in den nächsten fast zweieinhalbtausend Jahren verwendeten Hautlappen waren – soweit überliefert – entweder Hauttransplantate oder gestielte Lappen mit nicht an Gefäßverläufen ausgerichteten, je nach zu deckendem Defekt mehr oder weniger zufälliger Form (random pattern flaps). Ihr Längen-Breiten-Verhältnis durfte deshalb 2:1 nicht übersteigen.

Bestrebungen, dieses Längen-Breiten-Verhältnis zu ändern, um damit einerseits in der Lappenform freier zu sein und andererseits einen größeren Rotationsradius zu erhalten, sind erst ab Mitte des letzten Jahrhunderts dokumentiert. Zunächst konnte das Durchblutungsmuster durch Konditionieren der Lappen («Delay») modifiziert und zusätzlich die Sicherheit und der Rotationsradius durch Rollappenbildung erhöht werden (Filatov 1917, Ganzer 1917 und Gillies 1920).

Bereits 1906 hatte Iginio Tansini einen wichtigen arteriellen (axialen) Lappen beschrieben: Nach Mastektomie verwendete er zunächst axilläre Lappen zur Defektdeckung, die allerdings sehr häufig distale Nekrosen aufwiesen. In seinen anatomischen Studien an der Universität von Pavia begriff er die Bedeutung der muskulokutanen Perforatoren über dem Musculus latissimus dorsi. Sein an den axillären Gefäßen gestielter muskulokutaner Lappen erlangte bis 1920 weite Verbreitung in Europa. Mit dem Aufkommen der Halsted-Schule, die einen direkten Mastektomiedefektverschluß propagierte, geriet Tansinis Methode jedoch in Vergessenheit.

Wesentliche Fortschritte in der Chirurgie der Lappen ergaben sich – wenn auch für die Mehrheit der Chirurgen mit großer zeitlicher Verzögerung – durch systematische Studien der Anatomie:

1889 veröffentlichte Carl Manchot von der Kaiser-Wihelms-Universität Straßburg seine berühmt gewordenen anatomischen Untersuchungen über «Hautarterien des menschlichen Körpers». Diese Forschungsergebnisse wurden von Johann Friedrich Esser, einem Schüler Manchots, aufgegriffen. Er beschrieb 1918 und 1934 verschiedene Lappen im Kopf-Hals-Bereich, die auf den gefundenen Gefäßbündeln basierten. Dabei prägte er den Begriff «Insellappen».

Auch der für seine Rhinoplastiken berühmte Jaques Joseph beschrieb schon 1931 – vierunddreißig Jahre vor Bakamijan – einen medial gestielten axialen pektoralen Lappen, den er auf den von Manchot dargestellten Gefäßverlauf gründete. Jerome P. Webster richtete den nach ihm benannten thorakoabdominalen Lappen genau nach den von Manchot beschriebenen Hautarterien aus.

Carl Manchots anatomische Arbeit wurde ergänzt und wesentlich erweitert durch das 1936 erschienene Werk «Les Artères de la Peau» von Michel Salmon.

Abbildung 1: Axialer pektoraler Lappen. Aus: J. Joseph: Nasenplastik und sonstige Gesichtsplastik. Leipzig: Kabitzsch 1931.

Klinisch blieben die beiden exzellenten Arbeiten lange Zeit wenig beachtet. Zu stark waren die vor allem von Gillies und Filatov propagierten Rundstiellappen einerseits, andererseits die Defektdeckung mit Spalthaut- und Vollhauttransplantaten etabliert.

Die nächsten Impulse in Richtung axialer Lappen gingen von den Handchirurgen aus:

Littler veröffentlichte 1954 seine Methode der neurovaskulär gestielten Fingertransposition. Im gleichen Jahr stellte Erik Moberg seinen neurovaskulären Insellappen zur Resensibilisierung des Daumens vor.

Mit der Entwicklung der mikrochirurgischen Technik durch Harry Buncke, der 1966 den ersten freien Zehentransfer beim Rhesusaffen erfolgreich durchführen konnte, begann das Zeitalter der Mikrochirurgie. Schlagartig herrschte ein großes Interesse an neuen Lappen mit axialer Blutversorgung.

In ihrer Beschreibung des Leistenlappens notierten Ian McGregor und Ian T. Jackson 1972, daß Lappen in zwei Kategorien eingeteilt werden können: in Lappen mit frei gewählter Form (random pattern), die entsprechend ihres Breiten-Längen-Verhältnisses entworfen werden müssen und in axiale Lappen, die einen arterio-venösen Gefäßstiel entlang ihrer Hauptachse haben, so daß das Breiten-Längen-Verhältnis nicht berücksichtigt werden muß.

Um diese Zeit wurde der mikrovaskuläre freie Lappentransfer klinisch an mehreren Zentren begonnen: Der freie Zehentransfer 1969 durch Cobbett, der freie Leistenlappentransfer zuerst 1969 nur teilweise erfolgreich durch Kaplan, Buncke und Murray. 1971 glückte Antia und Buch der erste erfolgreiche freie mikrochirurgische Lappentransfer. 1973 folgten Daniel und Taylor und gleichzeitig das Team um O’Brien (von dem auch die Bezeichnung «Free Flap» stammt).

Die Technik der axialen Lappen wurde durch McCraws Abgrenzung unabhängiger myokutaner Territorien (1977) stark befruchtet. Dadurch erfuhr gerade die Weichteilrekonstruktion nach Dekubitalulzera, im Extremitätenbereich und der Brustaufbau einen großen Aufschwung.

Das bereits seit den siebziger Jahren bekannte Prinzip der Stromumkehr in Lappen bekam großen Aufschwung, nachdem Stock, Mühlbauer und Biemer 1983 zeigten, daß sich der von Yang und Mitarbeitern 1981 beschriebene Unterarmlappen auch in dieser Form verwenden ließ.

Neben kutanen Lappen, Muskellappen und myokutanen Lappen stellte Ponten 1981 das neue anatomische Prinzip der fasziokutanen Lappen. Die anatomisch-chirurgische Basis dazu wurde von Cormack und Lamberty 1986 in ihrem Buch «The Arterial Anatomy of Skin Flaps» weiter ausgebaut.

In den folgenden Jahren bis heute erschienen in kurzen Zeitabständen neue Lappen und Lappenvariationen. Experimentell und klinisch wurden sowohl in der Erforschung der Physiologie und Pathophysiologie des Gewebstransfers als auch mit neuen Lappenkonzepten große Fortschritte gemacht. Am Ende dieses Buches werden die präfabrizierten Lappen und die venösen Lappen gesondert besprochen.

Literatur

Antia, N.H. and V.I. Buch: Transfer of an abdominal dermo-fat graft by direct anastomosis of blood vessels. British Journal of Plastic Surgery 24 (1971): 15.

Bakamjian, V.Y.: A two stage method of pharyngo-oesophageal reconstruction with a primary pectoral skin flap. Plastic and Reconstructive Surgery 36 (1965): 173.

Buncke, H.J., G.M. Buncke and W.P. Schulz: Immediate Nicoladoni Procedure in the Rhesus Monkey or Hallux to Hand Transplantation utilizing Microminiature Vascular Anastomoses. British Journal of Plastic Surgery 19 (1966): 332.

Cobbett, J.R.: Free Digital Transfer. Report of a Case of Transfer of Great Toe to Replace an Amputated Thumb. Journal of Bone and Joint Surgery 51-B (1969): 677.

Cormack, G.C. and B.G.H. Lamberty: The Arterial Anatomy of Skin Flaps. Churchill Livingstone, Edinburgh (1986).

Daniel, R.K. and G.I. Taylor: Distal Transfer of an Island Flap by Microvascular Anastomoses: A Clinical Technique. Plastic and Reconstructive Surgery 52 (1973): 111.

Esser, J.F.S.: Biological or artery flaps: General observations and techniques. Revue de Chirurgie Plastique, January (1934): 275.

Ganzer, H.: Die Bildung von langgestielten Stranglappen bei der Gesichtsplastik. Berliner klinische Wochenschrift 54 (1917): 1096.

Gillies, H.D.: The tubed pedicle in plastic surgery. New York Medical Journal 3 (1920): 1.

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Manchot, C.: Die Hautarterien des menschlichen Körpers. Verlag F.C.W. Vogel, Leipzig (1889). Kommentar in: Manchot, C.: The Cutaneous Arteries of the Human Body. Translated by W.D. Morain and J. Ristic. Springer-Verlag, New York (1983).

Maxwell, G.P.: Iginio Tansini and the origin of the latissimus dorsi musculocutaneous flap. Plastic and Reconstructive Surgery 65 (1978): 686.

McCraw,, J., D.G. Dibbell and J.F. Carraway: Clinical definition of independent myocutaneous territories. Plastic and Reconstructive Surgery 60 (1977): 341.

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Ohmori, K. and K. Harii: Free Groin Flaps: Their Vascular Basis. British Journal of Plastic Surgery 28 (1975): 238.

Ponten, B.: The fascio-cutaneous flap. Its use in soft tissue defects of the lower leg. British Journal of Plastic Surgery 34 (1981): 215.

Salmon, M.: Artères de la peau. Masson et Cie, Paris (1936) Kommentar in: Salmon, M.: Arteries of the Skin. Editors G.I. Taylor and M.N. Tempest Churchill Livingstone, London (1988).

Shaw, W.W.: Microvascular Free Flaps. The First Decade. Clinics in Plastic Surgery 10 (1983): 3.

Stock, W., W. Mühlbauer und E. Biemer: Stromumkehr beim Unterarmlappen. Handchirurgie, Mikrochirurgie, Plastische Chirurgie 5 (1983): 45.

Tansini, I.: Sopra il mio nuovo processo di amputatione della mammella. Riforma Medica (Palermo, Napoli) 12 (1906): 757.

Taylor, G. and R. Daniel: The Anatomy of Several Free Flap Donor Sites. Journal of Plastic and Reconstructive Surgery 56 (1975): 243.

Webster, J.P.: Thoraco-epigastric tubed pedicles. Surgical Clinics of North America 17 (1937): 153.

Yang, G., B. Chen and Y. Gao: Free transfer of forearm flap. Report of 56 cases. National Medical Journal of China 61 (1981): 139.

Zeis, E.: Die Literatur und Geschichte der Plastischen Chirurgie. Reimer, Berlin (1838) wiederaufgelegt durch Arnaldo Forni-Editore, Bologna (1963).

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